Es war der Samba-Chula, dessen ganze Schönheit erst in letzter Zeit entdeckt wurde. Mit den Händen geklatscht hallt sein kraftvolles Echo wider in allen Winkeln dieses neuen Alt-Bahia. Einer der authentischen Meister dieser leidenschaftlichen Musik ist Raimundo Sodré, ein Künstler mit Chula im Blut. Er wurde am 23.Juli 1947 im Interior von Bahia geboren als Sohn des Lokomotivführers der Leste Bra-sileira und der Spitzenklöpplerin Laura Rosa Brandão. Sein Vater aus der Stadt des heiligen Amaro zur Lichtmeß, seine Mutter aus Mundo Novo.

Als sie bei einem Besuch ihrer älteren Schwester Isaura schwanger war, hat seine Mutter ihn in Ipirá zur Welt gebracht, wo sie anderthalb Meilen fern der Stadt im Viertel Camisão wohnte. Als „Mãe de Santo”, Heilige Mutter, stand sie einer Can-domblé-Gemeinde angolanischer Tradition vor.

Mit vier Jahren zog er mit Mutter und Großmutter in die Hauptstadt. Doch alljährlich verbrachte er seine Schulferien im Haus seiner Tante, wo es sehr fröhlich zuging, wenn über mehrere Tage das Fest der Heiligen Drei Könige gefeiert wurde. Dies war ein sehr farbenfrohes Fest, bei dem Samba-Chula- und Forró-Gruppen auf-traten. Das Haus war so groß, daß in einem der Räume der Forró mit den Akkor-deon-Spielern Roque Bananeira und Isac Reis auftreten konnte – letzteren be-gleitete Sodré während der Festival-Saison – während nebenan im Saal des Can-domblé die Chula regierte unter dem Kommando der Viola-Spieler (Gitarre mit zehn Saiten) Raimundo do Pião und Téophilo Preto begleitet vom Tamburin des Dioclécio. Auf einem dieser Ferienbesuche in Ipirá begann der kleine Raimundo die Afro-Trommel zu schlagen unter de Ägide des Candomblé-Priesters Augusto Carixá des berühmten Candomblé Bate Folhas in Mata Escura, Salvador.

Als er auf sein fünfzehntes Lebensjahr zuging, weckte eine Werbesendung im Ra-dio, präsentiert von dem unehrerbietigen Juca Chaves mit seiner unwiderstehlich swingenden Guitarre, die Aufmerksamkeit des kleinen Sodré für dieses Instrument. Wenig später lieh er sich von seinem Nachbarn Abel eine Gitarre und bagann un-ter Anleitung seiner Mutter Laura die ersten Akkorde zu üben. 

Seine ersten musikalischen Versuche waren die Chulas, die er in Ipirá gehört hatte, dann das Samba-Chanson „Tudo de Mim“ (Alles von mir), ein Liederfolg von Altemar Dutra, dessen Stimme Sodré bewunderte. Fortwährend spielend und sin-gend erarbeitete er seine Grundkenntnisse bis er in das traditionelle Colégio Cen-tral da Bahia in Salvador eintrat, in den turbulenten sechziger Jahren eines der baianischen intellektuellen Zentren.

Um den Wunsch seines Vaters zu erfüllen, der sich seinen Sohn als Arzt erträum-te, legte er die Aufnahmeprüfung ab und immatrikulierte sich in der medizinischen Fakultät, am Terreiro de Jesus, mußte dies jedoch bald aufgeben, weil er seine Studiengebühren nicht aufbringen konnte. 

Im Jahre 1972, kurz nach seiner Heirat, beschließt er nach São Paulo zu ziehen. Zunächst arbeitete er als Darlehensberater in einem Finanzinstitut, wo er den Rundfunksprecher Antonio Celso von Radio Excélsior kennenlernte. Dieser erfuhr von seinem Gesang und lud ihn zu einem Test ein, bei dem er einige Lieder von Gonzagão, Jackson do Pandeiro, Gilberto Gil und anderen vortrug.

Bei dieser Gelgenheit wurde er auch dem Produzenten Paulo Leivas vorgestellt, der mit ihm bei der Plattenfirma Continental eine erste Single herausbringen wollte, mit den Liedern "Vou Casar Já" (Werde gleich heiraten) und "Onde Tu Vai Luiz?" (Wohin gehst Du, Luiz?) von Gonzagão. Doch die Platte kam nicht zustande, weil der Produzent die Plattengesellschaft verließ und damit das Vorhaben aufgab. Bei der Continental lernte Sodré Belchior, Odair Cabeça de Poeta und die Mitglieder der Gruppe Capote kennen.

Nach zwei Jahren São Paulo beschließt Sodré 1974 nach Bahia zurückzukehren. Er zog zu seinem Vater in das Städtchen Santo Amaro da Purificação, wo er Roberto Mendes und Jorge Portugal kennenlernte und in die Gruppe Sangue e Raça einstieg, die Musik und Theater verband.

1975 wurde er von dem Perkussionisten Djalma Correa eingeladen, als Viola-Spieler unter der Regie der Choreographin Carmen Paternostro an der Insze-nierung der "Sete Poemas Negros" (Sieben Schwarze Gedichte) des Dichters Ildázio Tavares teilzunehmen. 

Im Jahre 1976 nimmt die Gruppe Sangue e Raça an einem Jazz-Workshop im ICBA – Instituto Cultural Brasil Alemanha/Goethe-Institut – teil, unter der Leitung des deutschen Gitarristen Volker Kriegel. Dabei wurde der Leiter des Instituts, Roland Schaffner, auf die Gruppe aufmerksam und lud sie zu einem Auftritt ein: "Reconsertão", die erste große Darbietung der Gruppe. Basierend auf rhythmi-schen und melodiösen Elementen des “Recôncavo”, der Bucht Bahias, und des “Sertão” im brasilianischen Nordosten wie Chula, Emboladas, Baiões und Xotes, hatte die Aufführung einen solchen Erfolg, daß Schaffner eine zweite Spielzeit anbot. Dieser Erfolg bewog das ICBA, zusammen mit der Gruppe „Baiafro“ des Perkussionisten Djalma Correa eine Trournée durch mehrere Nordoststaaten mit der von der Choreographin Carmen Paternostro eingerichteten Show "Sertafro" zu organisieren. Im selben Jahr führte dann die Gruppe Sangue e Raça die Show "Viola, Repente e Canção" im Innenhof des ICBA auf, zusammen mit den Popular-musikern Bule-Bule, Zé Gonçalves, e Zé Pedreira.

1978 schließt sich Sangue e Raça dem Teatro Livre da Bahia an, um unter der Regie von João Augusto an der Inszenierung "Oxente Gente, Cordel" teilzuneh-men. Dieses Stück wurde vom Nationalen Theaterinstitut als bestes Stück des Jahres ausgezeichnet und dann auch in Brasília, São Paulo und Rio de Janeiro aufgeführt.

In Rio de Janeiro trennt sich Sodré von seiner Gruppe und bleibt dort für einige Auftritte, die ersten im Theater der Maison de France und danach mehrere Shows in den Instituten der Alliance Française in Copacabana, Tijuca und Botafogo, wo sie dann über ein Jahr mittwochs einen festen Platz fanden. 

Ende dieses Jahres erfolgt eine Première in der Sala Funarte zusammen mit der Sängerin Fátima Regina, unter der Musikregie des Dirigenten Antonio Adolfo. Zu jener Zeit auch eine Einladung von Miguel Chaves, dem Produktionsassistenten Roberto Menescal bei der Polygram, zu einem Test, der zu ein paar Aufnahmen führte, darunter "Recado Pro Pessoal Lá de casa" (Eine Nachricht an die Leute zu Hause), "Sonho Claro" (Klarer Traum), "Vá Pra Casa Esse Menino, Viu?" (Mach Dich nach Hause, Junge, kapiert ?) und "A Massa" (Die Masse). 

Im Juni 1979 dann die Show "Raimundo Sodré e Tânia Alves" zusammen mit der Sängerin Tânia Alves in der Concha Verde auf dem Urca-Hügel in Rio. Gleich danach große Neuigkeit: "A Massa" war von den Produzenten der Polygram zur Teilnahme am Festival MPB 80 (Musica Popular Brasileira) ausgewählt worden, veranstaltet vom Fernsehkanal Globo. In den ersten Septembertagen konnte Sodré dann bei Polygram einen Vertrag für drei Platten unterschreiben und stieg ins Studio zur Vorbereitung seiner ersten LP.

Im April 1980 wird "A Massa" mit Beifall zur zweiten Vorauswahl des Festivals nominiert und durch ihren unmittelbaren Erfolg wird Raimundo Sodrés Name im ganzen Land bekannt. Die Plattengesellschaft verliert keine Zeit und bringt die LP "Massa", seine erste Platte, auf den Markt. Es heißt, die hohen Verkaufszahlen der Platte hätten die Firma aus den roten Zahlen geholt. 

Wenig danach, im Mai, wird Sodré von seinem Freund Djalma Correa eingeladen, zusammen mit der Gruppe Baiafro in den Vereinigten Staaten am Festival Latino Percussion teilzunehmen. Es kam zu zwei Auftritten in New York, die erste im Theater Symphony Space, am Broadway, und die zweite im Theater Luth Gold Center, in Brooklin. 

Wieder zurück in Brasilien macht sich Sodré auf den Weg, seine Platte bekannt zu machen auf einer Reise durch die Staaten des Nordens bis in die Region des Amazonas mit Auftritten in den Städten Belém, Manaus, Santarém, Parintins, Porto Velho. Blickt man auf diese Tour, gewinnt man eine Vorstellung vom breiten Erfolg von „A Massa" und alles sollte dazu dienen, die Leute anzuheizen für das bevorstehende Festival MPB 80. 

Im August endlich auf der Bühne des Maracanãzinho erringt "A Massa" den dritten Platz, den Erfolg übertrumpfend, den es schon im ganzen Land hatte als popu-lärstes Stück des Festivals. In allen Teilen des Landes wurde "A Massa" gespielt.

Anfang 1981, wenig mehr als sechs Monate nach seiner ersten Platte, geht Sodré wieder in die Studios, um die Stücke seiner zweiten Platte "Coisa de Nego" (Afro-Anglegenheit) aufzunehmen. Das ganze Jahr war Auftritten im ganzen Land ge-widmet. Endlich hatte er die Lorbeeren, um die er hart gekämpft hatte. Seinen Ruf nutzend, bringt Polygram zum Karneval eine kompakte Single heraus mit dem Lied "Bateu, Ganhou" (Zugeschlagen und gewonnen), eine Komposition von ihm und Jorge Portugal. 

Nach zwei Jahren ununterbrochener Arbeit zieht sich Sodré zurück, um in Ruhe ein neues Repertoire vorzubereiten. Erst im Januar 1983 ruft ihn Polygram zur Aufnahme seiner letzten Platte unter diesem Vertrag. 

Die neuen Arbeiten wurden zunächst von Djalma Correa produziert, mit Arrange-ments von Juarez Araújo. Aber mitten in den Aufnahmen reiste der Produzent in die USA und blieb dort so lange, daß die Firma einen anderen Produzenten für die Beendigung der Platte holte, João Augusto, der es zur Bedingung machte, alles von Null neu zu beginnen, und alle Titel strich, die mit Djalma Correa produziert worden waren, etwa vier oder fünf Stücke. 

"Beijo Moreno" (Brauner Kuß) hält Sodré für seine beste Platte. Die neue Produk-tion ermöglichte es dem Künstler, seine Arbeit an der Show "Cantações" (Song-Medley) für die Sala Funarte wieder aufzunehmen. 

Die gleiche Show folgte dann im Circo Voador und danach eine Turnée durch mehrere brasilianische Metropolen. Anfang 1984, als seine kompakte Single "Pica-Pau Brasil" (Klopfspecht) herauskommt, beschließt Raimundo Sodré seinen Zyklus bei der Polygram.

Anfang 1990 wurde Sodré vom Comité de Solidarité France Brézil eingeladen, um im Cirque d' Hiver eine Karneval-Show zu inszenieren, zusammen mit seiner Mu-sikgruppe bestehend aus Chagas Nobre, Gitarre, Carlinhos Wernck, Baß, Elber Bedaque, Schlagzeug und dem Perkussionisten Chaplin. Der Erfolg war so groß, daß das Comité zu einem weiteren Auftritt einlud, dieses Mal im New Morning, einem renommierten Pariser Showtheater spezialisiert auf Jazz. Unmittelbar danach folgte ein Vertrag für zwei Auftritte in England, einen im Subterranean Club, der andere im África Café, London.

Als er die Cité Lumière kennenlernte, begeistert er sich und beschließt in Fank-reich zu bleiben mit dem Recht auf eine Carte de Séjour, die er dann zu einem Lied verarbeitete. Dieses erschien 1994 auf der Platte "Real", die in ganz Frank-reich großen Erfolg hatte und bis heute im pariser Rádio Nova gespielt wird. 

In den folgenden Jahren bereist er ganz Europa und spielt auf Festivals in Deutschland, der Schweiz, Dänemark, Griechenland, Marokko, und auch in Indien.

1993 fliegt Sodré nach Brasilien, um in São Paulo seine vierte Platte "Real" auf-zunehmen. Diese CD wurde von Venance Journé für H2 Produções produziert und 1994 herausgebracht, in Europa dann von der deutschen Firma Tropical Music produziert und 1996 herausgebracht von RGE. 

Immer wieder Brasilien besuchend, erscheint Raimundo Sodré 1999 als Gast auf der CD "Pescador de Canções" (Fischer nach Liedern) des Kollegen Wilson Ara-gão. Im gleichen Jahr hat er in der Concha Acústica des Teatro Castro Alves in Salvador einen großen Auftritt an der Seite der Sängerin Zé Ramalho aus Paraiba. Darbei ergibt sich der Wunsch, wieder in seiner Heimat zu leben, was dann ab Januar 2000 geschah. 

Im gleichen Jahr, wieder wohnhaft in Salvador, hat er im Rahmen des Programms "Terça da Boa Música” (Dienstag der guten Musik) eine Show im Theater des ACBEU, des amerikanischen Kulturinstituts, sowie mehrere Auftritte in verschie-denen Veranstaltungsräumen des historischen Zentrums der Stadt, dem Pelou-rinho. Zur Feier seiner Rückkehr wird er zu der CD "Do Lundu ao Axé - Bahia de Todas as Músicas" (Vom Lundu zur Axé – Bahia, Vielfalt der Musik) eingeladen, produziert von der Landesregierung im Rahmen des Projekts „Faz Cultura“(Kultur-Förderung). Er singt "Filho da Bahia" (Sohn Bahias) des baianischen Sambakom-ponisten Walter Queiroz, an der Seite von Luis Caldas. Noch im Jahre 2000 bringt er eine Demo-CD heraus mit dem Baião "Cadim" im Hinblick auf die Radiopro-gramme aus Anlaß der Junifeste im Hinterland Bahias. 

2003 veröffentlicht Raimundo Sodré die CD "Dengo", seine fünfte Solo-Arbeit. Diese Platte leitet eine neue Etappe in seiner Karriere ein, in Höchstform kompo-nierend, spielend und singend. Mit "Dengo" nimmt er erneut eine Stellung ein, die er eigentlich nie verlassen hat : einer der authentischsten brasilianischen Volks-künstler seiner Zeit zu sein – keine Kleinigkeit. 

Axé, Raimundo Sodré!

Roberto Torres

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